Bericht Quebec Saint Malo
08.08.2012 07:46 by Axel Strauss
Am Freitag abend 22h13 haben wir die Regatta „Transat Quebec Saint Malo“ auf dem 5. Platz beendet und so langsam stellt sich der Körper wieder auf normale Umweltfeuchtigkeits- und Lautstärkewerte ein.
Nach der Zieleinkunft und Schleusung in den Hafen, Festmachen und in den aus Kanada mitgebrachten Satz Landklamotten geschlüpft, haben wir uns erstmal ein dickes Steak reingezogen, eine Wohltat nach 2 Wochen Mountain House freeze dried food…und dann leider viel zu viel und zu lange gefeiert. Es war auf jeden Fall schon wieder am dämmern als wir den Weg in die Koje gefunden hatten…vollkommen hinüber.
Von unterwegs zu berichten war nahezu unmöglich. Es war einfach zu nass, zu intensiv, zu unwirtlich unter Deck und ich hatte auch nicht das gewohnte Kommunkations setup, dass mir das ermöglicht hätte plus einige Problemchen mit dem Bordrechner.
Deshalb jetzt ein kleiner Bericht:
Das Boot: Class40 Nr. 107 *roaring forty 2“, eine Kiwi40,
Bruce Farr Design von Cookson/Auckland in vollendeter Verarbeitungsqualität
gebaut. Minimales Gewicht, maximales aufrichtendes Moment, Knickspant (chine) vom
Bug bis zum Heck. Am Wind und reaching deutlich schneller als die „alten“ Boote,
downwind eher normal, klebt etwas bei leichtem Wind, aber erwacht bei über 15
kn Wind wirklich zum Leben. Der Rumpf
ist bis auf die erwähnten Leichtwindschwächen gelungen.
Was sich der Designer allerdings beim Cockpitdesign und im Innenbereich gedacht
hat, ist nicht ohne weiteres nachvollziehbar. Der optimale Kiwi40 Segler ist
ein Yogaguru mit sehr kurzen Beinen und sehr langen Armen. Die Füsse am besten
eher klein und komplett gefühllos, da man sich im Coickpit ständig gegenseitig
drauf steht.
Innen ist alles sehr eng, durch die Motorabdeckung ist das Boot in wie durch
eine Mauer in zwei Hälften geteilt. Es gäbe noch Unmengen an Details zu
berichten, aber schliesslich ist das ja jetzt kein Bootstestbericht. Die
Ergonomie war auf jeden Fall eine echte Herausforderung….sowie auch der eher
sparsame Umgang mit Dichtungsmasse bei der Montage der Decksbeschläge. Das Deck
hat geleckt wie ein Sieb.
Die Crew:
Michel Kleinjans, Belgier: in den 80er Jahren auf Rucanor das Whitbread gesegelt,
eine Soloweltumsegelung mit dem Open 40 „Roaring Forty“, viel Erfahrung und ein
sehr cooler, ruhiger Typ.
Ian Wittevrongel, Belgier: mit Michel auf der Rucanor, viel IRC, Segelmacher
(der auch die Segel für dieses Boot gemacht hat)
David Thomson, Engländer: mehr oder weniger Profisegler, Mitarbeiter und
Preparateur bei vielen Projekten, GOR 2008/09 doublehanded, Bruder von Alex
Axel Strauss, Deutscher (und Schweizer ;-)):
seit 4 Jahren in der Class40, 12. Transat,
Wir waren also eine multinationale Crew, sind vor dem Start bis auf einem 2
stündigen Trimmschlag auf dem Fluss vor Quebec noch nie zusammen gesegelt, und
haben untereinander englisch oder französisch gesprochen. Mentalitätsmässig
waren klare Unterschiede da, und es war gar nicht so einfach, diese
Unterschiede zu überwinden und zu einem gut funktionierenden Team zu werden. Unsere
Formkurve bewegte sich im Rennverlauf aber aufwärts, die Stärken/Schwächen der
einzelnen waren besser zu erkennen und zu akzeptieren und wir würden wieder
zusammen segeln.
Leben an Bord:
Wir haben mit einem rollenden Wachsystem gearbeitet: jeder
war 4 Stunden an Deck, gefolgt von 2 Stunden Standby und dann 2 Stunden
Schlafen. So kam gestaffelt alle 2
Stunden ein mehr oder weniger ausgeruhter und etwas abgetrockneter Mann auf
Deck. Die Standby wache hat sich um die Verpflegung und das Trocknen des
Bootsinneren bemüht, die Ballastverteilung den jeweiligen Bedingungen
angepasst, oder war bei grösseren Manövern mit auf Deck. Der Schlafende (von
allen beneidet) schlief im einzigen Schlafsack in der einzigen Luvkoje. Dieses
„warmbunking“ hatte den Vorteil, dass der einzige Schlafsack zwar feucht bis
nass, aber immer warm war. Über den Geruch unter Deck lasse ich mich nicht aus,
aber es ist beeindruckend an was man sich alles gewöhnen kann. Wirklich heftig.
Gegessen haben wir hauptsächlich Mountain House freeze dried und Muesli,
Energiebars,Schokolade, Chinasoups, Yoghurts. Ein paar Äpfel und Orangen hatten
wir auch dabei… (wegen der Vitamine) sowie ein bisschen Schinken, Käse, Salami,
Brot.
Durch die vielen Manöver und die etwas unwirtlichen Bedingungenhatte man
eigentlich ständig Hunger, und es war gut dass wir genug Vorräte hatten. IxBlue
hat bereits nach St. Pierre rationieren
müssen, und das ist denen sicher auch auf die Laune geschlagen.
Wir konnten immerhin das kochende Wasser auf Gerichte wie Chicken Teriyaki,
Sweet and Sour Porc, Pasta Primavera, Dinde Tetrazzini oder das notorische
Boeuf Stroganoff (diese 5 Gerichte schmecken trotz der verschiedenen Namen sehr
ähnlich) oder auf Lasagne giessen. Stellt man sich unter Lasagne eher etwas am
Stück vor, wird man hier eines besseren belehrt, da Mountain House das wohl
mehr als Suppe sieht. Bemerkenswert: der Löffel war nach dem ersten umrühren
mit einer klebrigen Tomaten/Käse Schicht überzogen, die auch von bei 15 kn Boatspeed
noch am am Löffel kleben blieb, wenn man ihn aussenbords zum Reinigen ins
Wasser hielt.
Ansonsten der bei höheren Geschwindigkeiten übliche Lärm im Boot, der allerdings nicht stört, weil man ja weiss, dass man dann schnell unterwegs ist. Es ist eher beunruhigend wenn es leise wird…
Das Rennen:
Fluss-Delta-Ocean.
Ein absolutes Jojo Spiel im Fluss. Das Feld zog sich immer wieder auseinander
und wurde dann wieder komprimiert. Da haben wir am meisten Boden verloren, da
die Ideen über die anzuwendende Taktik oft auseinanderlagen, und wir nicht
immer die beste Wahl getroffen haben.
Zwischenfälle gab es keine, ausser einem grossen Ast , der sich eine knappe
Stunde nach dem Start am Kiel verfing und uns massiv bremste. Spi runter,
rückwärts segeln, zuschauen wie der Rest des Feldes vorbeifährt, nochmal
rückwärts, Ast immer noch dran, nach dem 3. erfolglosen Versuch Klamotten aus
und ins Wasser (musste ich machen: die Belgier waren in der Überzahl und der
Brite erkältet). Dann ging es aber
schnell weiter, und dank einer kreativen Abkürzung über eine Sandbank waren wir
bei der Malbaie Boje wieder vorne dabei. Zwischen Malbaie und Roche Percè haben
wir dann unsere taktischen Differenzen ausgelebt, aber den Anschluss zum Glück
nicht ganz verloren.
Aber es war ziemlich harte Arbeit, sehr viele Segelwechsel und enorm viel
stacking. Das Boot reagiert extrem sensibel auf Längsgewichtsverteilung.
Zwischendurch wurde der Bordcomputer immer kapriziöser, und es hat ziemlich
lange gedauert herauszufinden, dass ein externer USB Hub das Teil immer zum
abstürzen brachte. Dass das Iridium
Headset noch kaputt ging und wir keine Voice Kommunkation mehr hatten war mehr
ein Detail.
Bei der Gaspe Boje haben wir die Top 5 gesehen und das war ein echter Austeller,
weil wir zwar von den Positionsupdates wussten, dass wir nicht weit hinten dran
liegen, aber die Führenden wirklich zu sehen ist dann doch nochmal etwas
anderes.
Die Überfahrt über das Flussdelta nach St. Pierre lief glatt, bei St. Pierre
konnten wir bei absoluter Flaute zwischen den Inseln die Schönheit der Nebelbänke
bewundern, und irgendwie freute sich jeder, dass es nun endlich auf den Ocean
raus ging.
Fing auch gut an, Top Spi und volles Gross, dann später ein
Reff dazu, gehalst nach Süden, Taktikdifferenzen (die letzten), leider wieder
gehalst, auf den kleinen Spi gewechselt, 31 knoten Wind mit einem Reff und kleinen
Spi, alles wunderbar…bang…Hals des Spinnakers abgerissen…zum Glück alles ohne
weitere Schäden herunterbekommen, den 1 qm Hals der noch an der tackline hing
vom Bugsprit gezogen (das war sehr nass da am Ende des Bugsprits und sehr nahe
am Wasser…) und den Code 5 gesetzt. Der
Spi ging dann zu Ian in die Unterdecks-Segelmacherei, und nach forensischer
Untersuchung der Überreste stellte er fest, dass er bei der Produktion dieses
Segels wohl ein paar Verstärkungen vergessen hätte…er hat sich dann aber auch echt reingekniet um
das Teil wieder zu reparieren. Hat auch geklappt.
Danach war nicht so ganz klar, ob besser Nord- oder Südposition und so sind wir
erstmal in der Mitte geblieben und haben versucht unser Rennen zu fahren. Ein
echter Nachteil war, dass wir nur GFS Grib data mit 1 Grad Auflösung bekamen,
keine Golfstromkarten, keine Satellitenbilder etc. Wir hatten eine langsame
Iridiumdatenverbindung, die nur auf emal exchange ausgelegt war und keinen
Internetaccess erlaubt( das entsprechende Program war leider nicht geladen).
Die ersten 4 Boote im Ziel hatten alle entweder Fleet oder Iridium Open Port,
dh. schnelle Datenverbindungen, und da kann man schon ganz andere Grundlagen
zur Entscheidungsfindung heranziehen. Nach dieser ersten Nacht hatten wir bis
zum Ziel eigentlich immer zwischen 20 und 38kn Wind, Winkel zwischen 90 und 135
Grad und so war das eine echt schnell Überfahrt. Der kleine Spi fehlte bis zur
Reparatur natürlich bei den tieferen Winkeln, aber unser eigentliches Problem
waren die Fallen.: Das Boot war von der Bauwerft durchgängig mit Vectran Fallen
ausgerüstet worden, und die poppten uns nacheinander weg. Zuerst das Grossfall (2:1..verschwand im Mast). Ein Aussenfall konnten
wir nicht anschlagen, da es keinen Möglichkeit gab, den nötigen Block am
Masttop zu befestigen. Das war nach einer relativ üblen Mastbesteigung dann
irgendwann klar und so haben wir das Gross im ersten Reff am Toppspifall
gesetzt. Ganzes Gross ging nicht mehr, 2. Reff auch nicht, da das Spifall sonst
zu sehr geschamfilt hätte. Das Grossegel
war so halt manchmal zu klein (selten)
und manchmal zu gross (öfters…). Am nächsten Tag brach dann das Mastlasching des fractional
Spifalls(2:1), danach die Tackline, dann eine Leine mit der der Anstellwinkel
des Bugsprits verstellt (und gehalten) wird. Das war dann eigentlich schon
Routine. Wir konnten alles irgendwie reparieren oder improvisieren, aber man
wollte einfach nicht mehr so richtig pushen. Die Fallen, die wir noch hatten, brauchten
wir unbedingt, sonst wäre die Regatta zu Ende gewesen. Witzig war noch die
Halse auf Backbordbug, um Richtung Osten in den Channel zu kommen. Der
Winddreher war für Mitternacht angesagt, und kam dann auch ziemlich pünktlich.
Wir waren unter Code 5 und dem ersten Reff, und der Wind bei 32kn. Da das mit
dem Spinnaker/Grossfall nur auf einem Bug funktioniert, mussten wir also vor
der Halse das Gross bergen, halsen, dann
das Backbord Top Gennakerfall anschlagen, und das Gross wieder setzen. War eine
ziemliche Aktion bei dem Wind und der entsprechenden Welle. Alle Mann auf Deck,
die Masttoplichter von Comiris (unseres direkten Konkurrenten) klar sichtbar
achteraus, das Boot mit 15kn unterwegs… Wir waren alle ziemlich froh, dass die
Sache reibunglos geklappt hat, und Comiris nach der Halse immer noch achteraus
war und blieb.
Kurz vor dem Kontinentalschelf wurden die Wellen dann etwas grösser, immer
schwer zu schätzen aber ich denke mal 6-8 Meter und die Surfs entsprechend auch
länger. 30-35kn Wind den ganzen Tag,
extrem nass auf Deck (vorher war es nur ziemlich nass bis sehr nass).
Danach noch 40 Stunden auf Backbordbug, ein paar Segelwechsel, freeze dried
Leckereien, Trimmen, schlafen…und schon ist man in Saint Malo.
Spannende Regatta, ein bisschen wenig Sonne, genug Wind, gute
Geschwindigkeiten, Action auf Deck und vor allem ziemlich nass.
Einmal mehr hat sich gezeigt, dass auch mit einem schnellen
Boot eine solide Vorbereitung von Material und Team unverzichtbar ist. Mit dem
Ergebnis können wir insofern ziemlich zufrieden sein. Mehr als Platz 4 hätte
kaum drin gelegen und mit dem 5. sind wir ja ziemlich nahe dran,…und es ist der
letzte Platz für den es noch Geld gibt: 5000$. Immerhin.
Und wir sind als gutes Team angekommen! Das
ist ziemlich wichtig, denn nichts ist stressiger als eine zerstrittene Crew.
Axel
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